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Norderstedt

Entwicklungsmaßnahme

Zusammenfassung

Die Entwicklungsmaßnahme Norderstedt ist die einzige Maßnahme nach dem StBauFG, welche die Entwicklung einer neuen Stadt zum Ziel hatte. Durch gemeinsame Anstrengungen von Stadt und Land konnte dies verwirklicht werden. Es entstand durch Zusammenlegung und Entwicklung bestehender Siedlungen eine eigenständige Stadt mit urbanen Qualitäten am Rande Hamburgs, die durch ihre Funktionsmischung und die Bildung räumlicher Bezugspunkte zur hohen Wohnqualität beiträgt. Im Rahmen einer 2006/07 durchgeführten Evaluierung konnte der Erfolg der Entwicklungsmaßnahme belegt werden, und es wurden Potenziale für die Weiterentwicklung aufgezeigt.

Kontext

Vor den Toren Hamburgs gelegen, wuchsen die Gemeinden Friedrichsgabe, Garstedt, Glashütte und Harksheide in den Nachkriegsjahren erheblich. Um die zunehmende Zersiedlung aufzuhalten und die Entwicklung der konkurrierenden Gemeinden planerisch beeinflussen zu können, wurde 1973 das Entwicklungsgebiet festgelegt. Zuvor war 1970 im Zuge einer Gemeindegebietsreform die Stadt Norderstedt gegründet worden. Bei Stadtgründung hatten die zuvor eigenständigen Gemeinden insgesamt 55.700 Einwohner. Heute hat Norderstedt über 74.000 Einwohner.

Projektbeschreibung

Die Entwicklungsmaßnahme wurde in drei Gebiete unterteilt:

  1. Teilgebiet A – Harkshörn, im Nordosten des Stadtgebiets gelegen, wurde überwiegend zu einem Industrie- und Gewerbestandort entwickelt. Bei der Entlassung des Gebiets aus der Entwicklungsverordnung arbeiteten dort rund 6.000 Beschäftigte in 250 Betrieben.
  2. Teilbereich B – Norderstedt-Mitte umfasst einen etwa 203 ha großen Bereich in Garstedt-Nord/Friedrichsgabe-Süd und stellt den Entwicklungsschwerpunkt innerhalb der Maßnahme dar. In diesem Bereich wurde das Bevölkerungswachstum konzentriert, und es entstanden über 4.100 neue Wohneinheiten. Neben der Schaffung neuer Wohnquartiere und der Verflechtung mit dem Naturraum stand insbesondere die Errichtung und Qualifizierung eines eigenständigen Stadtzentrums im Vordergrund. Rund um den 1996 eröffneten U-Bahnhof wurden ab Mitte der 1980er Jahre ein Rathaus mit Marktplatz, Bildungs- und Kultureinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten und Verwaltungsgebäude errichtet. Sie bilden mittlerweile ein lebendiges Zentrum. Norderstedt-Mitte ist ein außergewöhnliches Beispiel in der Entwicklung des Städtebaus der Nachkriegszeit, denn im Unterschied zu vielen anderen Stadterweiterungen und Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre ist das Gebiet ein frühes Beispiel für integrierte Stadtentwicklung. Kennzeichnend sind z. B. die Rückbesinnung auf urbane Qualitäten durch die Schaffung klar identifizierbarer Stadträume und angemessener baulicher Dichten, die Umsetzung umweltbewusster Bauvorhaben und ein integriertes Verkehrskonzept.
  3. Teilbereich C – Glashütte wurde nach einem Gerichtsurteil bereits im Jahr 1975 wieder aus der Entwicklungsverordnung entlassen.

1974 wurde die neugegründete Entwicklungsgesellschaft Norderstedt mbH ENGO mit der Koordinierung des Vorhabens "Norderstedt-Mitte" beauftragt. Sie ist bis heute vor Ort tätig.

Handlungsfelder

Gründung einer neuen Stadt mit Hilfe des umfassenden Ansatzes einer integrierten Stadtentwicklung: Stadt der kurzen Wege, ressourcenschonendes Bauen, integriertes Verkehrskonzept, Schaffung urbaner Stadträume, Einbindung in den Landschaftsraum, Schaffung von Arbeitsplätzen

Einzelmaßnahmen

Errichtung eines Zentrums für Norderstedt-Mitte mit Rathaus, Marktplatz, Bildungs- und Kultureinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten;  Verlängerung der U-Bahnline 1, Seniorenwohnanlage "Pöhlsdorf", Mehrgenerationenwohnhaus "Stoltenhof", barrierefreie Wohnanlage "Moorbekterrassen", Lüdemannscher-Park, Familienwohnanlage Rathausallee 100-118

Finanzierung

Im Rahmen der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme betrug der Anteil der Förderung des Bundes ca. 7,1 Mio. Euro, die durch Mittel von Land und Kommune ergänzt wurden. Zum Gelingen der Maßnahme haben zahlreiche weitere Fördermittel für verschiedene Vorhaben, z. B. bei innovativen Wohnbaumaßnahmen, beigetragen. Die Erlöse aus dem Verkauf der im Rahmen der Maßnahme erworbenen Grundstücke trugen zur Finanzierung bei. Es konnten erhebliche Investitionen angestoßen werden. Berechnungen liegen dazu zur Zeit nicht vor.

Projektumsetzung

Tabelle: Projektumsetzung
JahrUmsetzungsschritt
1970Gründung Norderstedts im Zuge einer Gemeindegebietsreform
1973förmliche Festlegung des Entwicklungsbereichs mit den Teilgebieten A, B und C
1974Beschluss des Entwicklungsträgervertrages mit der neugegründeten Entwicklungsgesellschaft Norderstedt mbh (ENGO)
1975nach einem Gerichtsurteil wird der Teilbereich C - Glashütte aufgehoben
1977Vorstellung des Städtebaulichen Rahmenplans für die zukünftige Entwicklung
1979Fertigstellung des ersten Wohnungsbauvorhabens in der Heidbergstraße
1984/85Eröffnung des Rathauses und Einweihung des Einkaufszentrums "Moorbekpassage" in Norderstedt-Mitte
1991Einweihung des Bildungs- und Kulturzentrums für Norderstedt-Mitte
1996Aufhebung des Entwicklungsverordnung in Teilbereich A – Harkshörn
1996Die Verlängerung der U-Bahn bis Norderstedt-Mitte wird eröffnet. Damit ist die geplante Entwicklung des Zentrums Norderstedt-Mitte vollendet.
2000Eröffnung des Stadtmuseums
2004Aufhebung der Entwicklungsverordnung für Teilbereich B – Norderstedt-Mitte
2006/07Evaluierung der Maßnahme und der Entwicklung Norderstedts durch "BPW-Hamburg" und "Büro Düsterhoff"

Besonderheiten

Das Ziel, eine eigenständige Stadt zu entwickeln, ist innerhalb des Programm "Städtebauliche Sanierungs- und Entwicklungsmaßnahmen" eine Besonderheit. Es wurde durch eine integrierte Stadtentwicklung von Beginn an forciert. Der Realisierung des gemischt genutzten Zentrums als Mittelpunkt der Stadt kommt dabei eine große Bedeutung zu.

Die von Beginn an kontinuierliche Anpassung der Pläne, die fortlaufende Überarbeitung der Grundkonzeption und die Teilnahme an verschiedenen Wettbewerben und Forschungsvorhaben zum innovativen Wohnungsbau (z.B. EUROBAU 1987, ExWoSt-Modellvorhaben "Ökologisches Bauen" 1989-91) haben wesentlich zur Vielfalt der Stadt in Hinblick auf architektonische Konzepte, nachhaltige Bauvorhaben und differenzierte Angebote für unterschiedliche Bewohnergruppen beigetragen.

Lernerfahrungen

Im Gegensatz zu anderen Vorhaben der 1970er Jahre ähnlicher Ausrichtung wurde städtebauliche Dichte als unverzichtbarer Bestandteil städtischer Lebensweise verstanden. Statt sie mit Hilfe von Großstrukturen zu realisieren, wurde sie durch das bewusst geplante Zusammenspiel von baulicher, raumbildender Dichte und vielfältiger Funktionsmischung erzielt; auf die Errichtung von Solitär- und Zeilenbauten wurde bewusst verzichtet. Die Besinnung auf die städtebauliche Leitidee durch Funktionsmischung, angemessene bauliche Dichten, klar definierte und qualifizierte Stadträume und die erfolgreichen Bemühungen um die Aufhebung der Funktionstrennung, auch in Bezug auf die verschiedenen Verkehrsteilnehmer, machen die Maßnahme zu einem Meilenstein der Stadtentwicklung nach dem 2. Weltkrieg.

Die Bemühungen um die Errichtung innovativer Wohnbauten und die Qualifizierung der Stadträume  haben wesentlich dazu beigetragen, dass unterschiedliche Bewohnergruppen und soziale  Milieus in Norderstedt leben und ein familienfreundlicher Stadtteil entstanden ist. Auch langfristig wird eine stabile Entwicklung prognostiziert, wozu auch Projekte zum barrierefreien Wohnen und Mehrgenerationenwohnhäuser beitragen, da sie die Auswirkungen des demografischen Wandels abfedern helfen.

Der Abschluss der Entwicklungsmaßnahme sollte ursprünglich nicht erst 2004, sondern bereits 1985 erfolgen. Rückblickend ist der lange Zeitraum positiv für Norderstedt zu bewerten, da mit Bedacht Entwicklungen angestoßen, gesteuert und langfristig forciert werden konnten. Auch konnten Lerneffekte der einzelnen Realisierungsetappen für die Optimierung nachfolgender Vorhaben genutzt werden konnten, was entscheidend zur hohen Qualität der entwickelten Strukturen beigetragen hat.

Das Gebiet heute

Norderstedt ist heute eine lebendige und familienfreundliche Stadt, die sich als eigenständiger Standort im Umland Hamburgs positionieren konnte. Ihre bauliche, soziale und funktionale Mischung ist verantwortlich für die positive Entwicklung. Die integrierte Handlungsweise und das umgesetzte städtebauliche Leitbild machen die Maßnahme zu einem Meilenstein in der Geschichte des deutschen Städtebaus, deren Auswirkung auf die Entwicklung städtebaulicher Strategien bisher nicht vollständig analysiert wurde.

Zusatzinformationen

Bundesland

Schleswig-Holstein

Gemeinde

Stadt Norderstedt

Programmbereich

Entwicklungsmaßnahme

Projektbeginn

1971

Projektende

2004

Größe des Entwicklungsgebietes

377 ha (davon 205 ha Norderstedt-Mitte)

Volumen der Städtebaufördermittel

Ca. 21,5 Mio. Euro

Gebietstypus

Stadtgründung im Umland Hamburgs durch Vereinigung und Ergänzung dreier konkurrierender Entwicklungskerne

Kontaktdaten

Entwicklungsträger:
Entwicklungsgesellschaft Norderstedt mbH (ENGO)
Rathausallee 64–66
22846 Norderstedt

Dipl.-Kfm. Marc-Mario Bertermann (Geschäftsführer)
Tel.: +49 40 535 40620
Fax: +49 40 535 40640
E-Mail: bertermann@egno.de

Link/weitere Informationen

Informationsportal des Entwicklungsträgers ENGO mit dem Evaluierungsbericht über die Entwicklungsmaßnahme "Norderstedt"


Stand

Januar 2010

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