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Arzberg - Stadtkernbereich

Schwerpunkte: Ortskernentwicklung / Umgang mit Leerständen / Freiraumentwicklung

Zusammenfassung

Nach Schließung von Produktionsstätten der Porzellanindustrie und der fossilen Energiewirtschaft waren in der oberfränkischen Stadt Arzberg zahlreiche Arbeitsplätze verloren gegangen. Der damit verbundene Einwohnerverlust hält nach wie vor an, ebenso die Alterung der Bevölkerung und ein Rückgang der Kaufkraft. Zudem muss die Stadt einen Umgang mit großflächigen Industriebrachen finden. In einem breit angelegten Beteiligungsprozess wurden ein städtebauliches Entwicklungskonzept erarbeitet und Projekte definiert, die insbesondere für die Kleinstadt auch einen Qualitätsgewinn als Wohn- und Freizeitstandort beihnalten. Ein neu geschaffener Bürger- und Landschaftspark mit ökologischem Badebereich, Garten- und Parkanlagen sowie Terrassengärten sind Beispiele für dieses angestrebte Ziel.

Kontext

Die oberfränkische Stadt Arzberg mit ihren 5.200 Einwohnern (Stand: 2015) liegt am Rande des Fichtelgebirges, nur rund vier Kilometer von der Grenze zur Tschechischen Republik entfernt. Das gesamte nordostbayerische Grenzland war von Industrie, insbesondere von der Porzellanherstellung geprägt. Nach deren Niedergang gilt die Region nach wie vor als strukturschwach. Arzberg wurde durch die Schließung von Produktionsstätten der Porzellanindustrie sowie eines Braunkohlekraftwerks in vielfacher Weise mit den Folgen dieses wirtschaftlichen Strukturwandels konfrontiert.

Projektbeschreibung

Wie viele Kommunen im Fichtelgebirge ist Arzberg von seiner Vergangenheit als Porzellanstadt industriell geprägt. Bis Mitte der 1990er Jahre wurden alle drei örtlichen Produktionsstätten der Porzellanindustrie geschlossen. Im Jahr 2003 erfolgte mit der Schließung eines Braunkohlekraftwerks der Wegfall des letzten großen Arbeitgebers. Arzberg beschäftigt sich seither mit Anpassungsstrategien an die Folgen des wirtschaftlichen Strukturwandels. Durch die Verluste vieler Arbeitsplätze zogen insbesondere viele jüngere Einwohner in Regionen mit besserem Arbeitsplatzangebot, wodurch die Kaufkraft schwand und immer mehr Einzelhandelsgeschäfte schließen mussten. Der Wohnungsleerstand beträgt mittlerweile geschätzte 15%. Arzberg ist in vielerlei Hinsicht von Schrumpfungsprozessen betroffen. Sichtbare städtebauliche Folgen sind insbesondere Sanierungsrückstände, Leerstände von Wohnungen und Ladenlokalen sowie industrielle Brachflächen.

Gemeinsam mit der Hilfe externer Büros erarbeitete die Stadt bis Anfang 2007 ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept, in dem nach einer umfassenden Bestandsaufnahme ein gesamtstädtisches Stadtumbaukonzept entwickelt sowie räumliche und thematische Handlungsschwerpunkte identifiziert wurden. Diese liegen zum einen in der Beseitigung der städtebaulichen und funktionalen Mängel durch Aufwertungs- und Modernisierungsmaßnahmen (insbesondere im Innenstadtbereich) sowie im Abräumen und in der Umnutzung der Brachflächen. Bei den Brachflächen steht die ehemalige Produktionsstätte der Porzellanfirma Schumann im Mittelpunkt. Hinsichtlich der Wohnungsleerstände, etwa im durch Mietwohnhäuser der Wohnungsgenossenschaft Arzberg geprägten Gebiet "Arzberg West" ist eine langfristige Konsolidierung das Ziel des Stadtumbaus. Zum anderen gilt es, Potenziale für die zukünftige Entwicklung Arzbergs zu bestimmen, die vor allem im Bereich von Freizeit- und Tourismusangeboten gesehen werden.

Bei der Erarbeitung der Schwerpunktthemen und -räume setzte die Stadt Arzberg intensiv auf die Mitarbeit ihrer Bürgerinnen und Bürger. So wurden neben einer Lenkungsgruppe, die unter Vorsitz des Bürgermeisters den Stadtumbauprozess steuerte, auch ein Bürgerforum sowie auf spezielle Themen ausgerichtete Fokusgruppen eingerichtet, in denen die Arzberger ihre Ideen für den Stadtumbau einbringen konnten. Im Bürgerforum, zu dem offen eingeladen wurde, konnten die Fragestellungen so aufbereitet werden, dass daraus entstandene Meinungsbilder die Politik bei ihren Beschlüssen und komplexen Entscheidungen unterstützten. Diese Beteiligungsform führte zu einer hohen Identifikation mit dem Stadtumbauprozess. Dazu trug in der Erarbeitungsphase auch eine Informationspolitik bei, indem aktuelle Planungen zum Stadtumbau in Form eines Nachrichtenblattes veröffentlicht wurden..

Zur Umsetzung des Stadtumbaus wurden in Arzberg vorhabenbezogen insgesamt fünf Stadterneuerungsgebiete mit 17,8 ha Fläche beschlossen. Dabei handelt es sich um zwei Sanierungsgebiete im vereinfachten Verfahren in der Innenstadt (Stadtkern 1 mit den Terrassengärten und Stadtkern 2 für das Schumann-Areal), und drei kleinräumige Stadtumbaugebiete (Schwimmbad, Bauvereinstraße, Südstadt).

Handlungsfelder            

  • Anpassung von Infrastrukturen
  • Anpassung von Wirtschaftsstandorten
  • Anpassung von Wohnstandorten
  • Bestandsorientiertes Gebäude- und Flächenmanagement

Einzelmaßnahmen        

  • Route der Industriekultur

    Die "Route der Industriekultur" war eines der ersten Stadtumbauprojekte. Es handelt es sich um einen Pfad, der die Aufmerksamkeit auf die industrielle Vergangenheit Arzbergs lenkt und auf die Erschließung touristischen Potenzials ausgerichtet ist. Der Pfad und insbesondere seine Stationen werden fortlaufend durch neue Ideen, auch der Bürgerinnen und Bürger, ergänzt.

  • Revitalisierung des Schumann-Areals

    Die so genannten "Taubenhäuser" auf dem Schumann-Areal Die so genannten "Taubenhäuser" auf dem Schumann-ArealDie so genannten "Taubenhäuser" auf dem Schumann-Areal Quelle: FORUM

    Das Gelände der ehemaligen Porzellanfabrik Schumann liegt unmittelbar am Innenstadtrand und wurde in den zurückliegenden Jahren schrittweise beräumt - immer in der Hoffnung, für die verbliebenen Fabrikanlagen eine gewerbliche Nachnutzung zu finden. Drei unter Denkmalschutz stehende Gebäude sowie ein Schornstein als Symbol der vergangenen Nutzung sind auf dem Areal verblieben. Dabei handelt es sich um die ehemalige Fabrikantenvilla, für die sich nach Jahren des Leerstands nun ein Investor interessiert, sowie um die so genannten Taubenhäuser und die ehemalige "Ökonomie", in der einst zur (Selbst-)Versorgung der Belegschaft Tiere gehalten und Gartenerzeugnisse angebaut wurden. Nach langen Jahren des Stillstands hat sich die Lebenshilfe e.V. im Jahr 2013 bei der Stadt Arzberg um die Nachnutzung des Areals beworben. Die Lebenshilfe will im ehemaligen Ökonomiegebäude und in zu ergänzenden Neubauten senioren- bzw. behindertengerechte Wohnungen mit einer Großküche sowie eine Werkstatt einrichten. In den Taubenhäusern ist die Unterbringung von Angestelltenwohnungen geplant.

  • Bürger- und Landschaftspark

    Das sanierte Freibad in Arzberg Das sanierte Freibad in ArzbergDas sanierte Freibad in Arzberg Quelle: FORUM

    Ende 2008 wurde nach einem Realisierungswettbewerb der Stadtratbeschluss gefasst, das Arzberger Freibad mit seinen Außenanlagen zu einem Bürger- und Landschaftspark mit Ökologisierung des Badebereichs weiterzuentwickeln. Eine wichtige Voraussetzung für den Beschluss war das große Engagement eines Vereins aus der Bürgerschaft, der den Betrieb des Schwimmbads unterstützt. Das Bad wurde unter Inanspruchnahme von EU-Mitteln umgebaut und das Areal in einen Bürger- und Landschaftspark umgestaltet. Die Kommune ist weiterhin Trägerin von Freibad und Parkgelände, der Verein unterstützt den Betrieb. Der Umbau erfolgte 2009 bis 2011, die Eröffnung konnte 2011 gefeiert werden.

  • Terrassengärten Egerstraße

    Blick vom Kirchberg auf die Terrassengärten und die Egerstraße Blick vom Kirchberg auf die Terrassengärten und die EgerstraßeBlick vom Kirchberg auf die Terrassengärten und die Egerstraße Quelle: FORUM

    Arzberg liegt in einer bewegten Topographie. Am Kirchberg gelegene, leer stehende Gebäude wurden durch die Stadt erworben und 2010 rückgebaut, um die Voraussetzungen für die Umsetzung so genannter "Terrassengärten" zu schaffen. 2011 erfolgten die Stabilisierung der Hanglage und anschließend die Anlage mehrerer kleiner terrassierter Gärten, die von der Egerstraße hinauf zur Kirche führen.

Ein weiteres Projekt ist die Revitalisierung der 1999 aufgegebenen Porzellanfabrik Winterling. Die Winterling Porzellan AG hatte bis dahin außer in Arzberg noch an drei weiteren Standorten in der Region - Kirchenlamitz, Röslau und Schwarzenbach a.d. Saale - eine Porzellanproduktion betrieben. 2014 gründeten die vier Kommunen ein gemeinsames Unternehmen, das die vier Standorte zusammen angekauft hat und entwickelt (siehe auch "Besonderheiten")

Finanzierung

  • Bund- Länder- Programm "Stadtumbau West": 1.555.050 Euro Bundesmittel bis einschließlich 2015

Projektumsetzung

Tabelle: Projektumsetzung
JahrUmsetzungsschritt
2004Beginn der Erarbeitung des Stadtentwicklungskonzepts
20061. Ausgabe des "Bürgerboten" - eines Nachrichtenblattes zum Stadtumbau West , Durchführung des 1. Bürgerforums
2007Fertigstellung des Stadtentwicklungskonzeptes, Einrichtung eines Stadtumbaumanagements, Workshop zur "Route der Industriekultur" mit erster Umsetzung studentischer Entwürfe, Städtebaulicher Wettbewerb zur Umgestaltung des Arzbeger Freibades
2008Stadtratsbeschluss über die geplante Sanierung des Arzberger Freibades und die Errichtung eines "Bürger- und Landschaftsparks mit Ökologisierung des Badebereichs"
2009Start des Umbaus des Arzberger Freibades, Beginn des schrittweisen Abbruchs nicht denkmalgeschützter Gebäude auf dem ehemaligen Schumann-Areal
2010Gebäuderückbau zur Anlage innerstädtischer Terrassengärten
2011Neueröffnung des Freibades mit Freizeit- und Landschaftspark
2012 Fertigstellung der Terrassengärten am Kirchberg
2013 Bewerbung der Lebenshilfe e.V. um die Nachnutzung des Schumann-Areals
2014Erwerb der ehemaligen Porzellanfabrik Winterling durch das "Gemeinsame Kommunalunternehmen Winterling Immobilien (gKU Winterling)"


Besonderheiten

  • Für eine Gemeinde von unter 6.000 Einwohnern wurde ein besonders ambitioniertes integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept unter intensiver Beteiligung der Bevölkerung erarbeitet. Bei der Umsetzung der Maßnahmen wird die intensive Beteiligung fortgesetzt. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass Arzberg zahlreiche Vorhaben initiiert hat, bei denen neue Freiraumqualitäten als Nachnutzung von Rückbauflächen geschaffen werden.
  • Das gKU Winterling ist ein besonderes unternehmerisches Konstrukt. Der Insolvenzverwalter der Winterling Porzellan AG hatte einen Verkauf der vier ehemaligen Produktionsstandorte in Arzberg, Kirchenlamitz, Röslau und Schwarzenbach a.d. Saale im Paket angestrebt, den keine der Kommunen alleine hätte finanzieren können. Um die Nachentwicklung der Standorte gestalten zu können, gründeten die vier Städte das gemeinsame Unternehmen als Körperschaft des öffentlichen Rechts, das die vier ehemaligen Produktionsstandorte zusammen erwarb. Das gKU Winterling ist direkter Zuwendungsempfänger und wird als gemeinsame Gesamtmaßnahme im Stadtumbau gefördert. Der kommunale Eigenanteil wird zwischen den Kommunen geviertelt.

Lernerfahrungen

Der Stadtumbau in Arzberg zeigt, dass auch kleine Kommunen ehrgeizige Stadtumbauvorhaben über einen längeren Zeitraum umsetzen können, wenn sie durch kompetentes Management personell unterstützt werden. Weiterhin belegt das Beispiel Arzberg das Potenzial bürgerschaftlichen Engagements bei der Konzeption und Umsetzung des Stadtumbaus insbesondere in kleinen Kommunen. Trotz einzelner erster Erfolge ist Arzberg aber noch immer eine der am stärksten von Abwanderung betroffenen Kommunen in der nordostbayerischen Grenzregion, was sich in Missständen wie immer noch hohem Leerstand und teils stark sanierungsbedürftigen Gebäuden niederschlägt.

Zusatzinformationen

Land

Bayern


Gemeinde

Arzberg


Programm

Stadtumbau


Projektbeginn

2004 (Aufnahmejahr)


Projektende

k. A.


Größe des Gebietes

17,8 ha


Volumen der Stadtumbauförderung

Bundesmittel bis einschließlich Programmjahr 2015: 1.56 Mio. Euro


Gebietstypus

Industriebrache
Stadt(teil)zentrum/Ortskern


Kontaktdaten

Stadt Arzberg
Friedrich-Ebert-Str. 6
95659 Arzberg
Tel.: +49 9233 404-0
Tel.: +49 9233 404-60
E-Mail: stefan.goecking@arzberg.de


Link / weitere Informationen

Internetseite der Stadt Arzberg zum Stadtumbau


Dokumentation der Stadtumbau West-Busrundfahrt im Oktober 2016 mit Arzberg als einem Exkursionsziel


Stand

November 2016

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