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Pirmasens - Rheinberger

Schwerpunkte: Industriebrachenentwicklung / Public Private Partnership (PPP)

Zusammenfassung

Pirmasens war ehemals Deutschlands bedeutendster Standort der Schuhproduktion. In der Folge des Strukturwandels in der Schuhindustrie verlor die Stadt seit den 1980er Jahren in dieser Branche über 15.000 Arbeitsplätze. Zusätzliche Herausforderung war der vollständige Abzug von über 10.000 amerikanischen Soldaten und ihrer Angehörigen Mitte der 1990er Jahre. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen ist die Einwohnerzahl von über 57.000 1975 auf knapp über 42.000 2011 zurückgegangen. Mit dieser Entwicklung einhergehend traten vielfältige innerstädtische Brachflächen der Schuhindustrie, eine ca. 75 Hektar große Militärbrache, Wohnungsleerstand und untergenutzte Infrastruktur auf. Zur Bewältigung der städtebaulichen Folgen der Strukturkrise startete Pirmasens bereits 2002 im Rahmen des ExWoSt-Forschungsfeldes mit dem Stadtumbau West, dessen Leuchtturmprojekt die Revitalisierung der Schuhfabrik Rheinberger darstellt.

Kontext

Die Geschichte der in der Westpfalz gelegenen Stadt Pirmasens ist eng verbunden mit der Gründung als Garnisonsstadt, aus der sich dann ein wichtiges Zentrum der deutschen Schuhindustrie entwickelt hat: Der Landgraf Ludwig IX. erweiterte das kleine Dorf im 18. Jahrhundert durch Aufbau einer Garnison zu einer Stadt. Im 18. Jahrhundert etablierte sich aus der Verwertung der alten Uniformen die Schuhindustrie, in der in ihren Hochzeiten fast 30.000 Menschen Beschäftigung fanden. Diese historisch gewachsene monostrukturelle Ausrichtung der lokalen Wirtschaft führte die Stadt in eine Abhängigkeit, von der sie sich nach dem Niedergang der Schuhproduktion am Standort Deutschland seit Anfang der 1980er Jahre schwer erholen konnte. Erschüttert wurde der Wirtschaftsstandort Pirmasens 1997 zudem durch den weitgehenden Abzug der auf dem Militärstandort "Husterhöhe" stationierten Amerikaner: Binnen weniger Monate verließen 10.000 Soldaten und deren Angehörige die Stadt, ca. 4.000 zivile Arbeitsplätze gingen verloren. Effekte dieser Krise sind bis heute in der Stadt erlebbar: Eine rückläufige Bevölkerungs- und hohe Arbeitslosenzahl sowie leer stehende Schuhfabriken, Wohnungsbestände, Einzelhandelsflächen und eine große Anzahl von Konversionsflächen stellen die Stadt vor die Aufgabe, Bewältigungsstrategien für den Schrumpfungsprozess zu entwickeln.

Projektbeschreibung

Innenstadtentwicklungsmodell der Stadt Pirmasens Innenstadtentwicklungsmodell der Stadt PirmasensInnenstadtentwicklungsmodell der Stadt Pirmasens Quelle: Stadt Pirmasens

Die Stadt Pirmasens setzt seit vielen Jahren systematisch Stadterneuerungsprogramme ein, um den einschneidenden Wandel zu bewältigen. Neben dem klassischen Sanierungsprogramm, das bei der Innenstadtentwicklung eine wichtige Rolle spielt, kommen Stadtumbau West und "Die Soziale Stadt" zum Einsatz. Zur Koordinierung der vielgestaltigen Erneuerungsaufgaben und zur Schwerpunktsetzung sind in Pirmasens schon frühzeitig teilräumlich und gesamtstädtisch städtebauliche Entwicklungskonzepte aufgestellt worden. Auf der Basis eines in Kooperation zwischen der Unternehmerschaft, engagierten Bürgern und der Stadtverwaltung erarbeiteten Stadtleitbildes wurde 2002 das Innenstadtentwicklungskonzept fertig gestellt, das im Rahmen der Aktivitäten im Stadtumbau West zu einem gesamtstädtischen integrierten Stadtentwicklungskonzept erweitert wurde. Als Leitbild der zukünftigen (Innen-)Stadtentwicklung fungiert das "Entwicklungsmodell Innenstadt", das einen Schwerpunkt auf den nördlichen Bereich der Kernstadt legt und durch die Ausbildung einer West-Ost-Achse, als Gegenpol zur bisherigen Nord-Süd betonten Entwicklung, wichtige innenstadtnahe Einrichtungen im Westen und Osten, bei gleichzeitiger Stärkung innenstadtnaher Wohngebiete, einbindet.

Das "PS Patio" im Bau Das "PS Patio" im BauDas "PS Patio" im Bau Quelle: FORUM

Pirmasens startete bereits 2002 als Pilotstadt im ExWoSt-Forschungsfeld Stadtumbau West seinen Stadtumbau mit insgesamt vier so genannten Impulsprojekten: Zwei dieser Vorhaben lagen außerhalb der Innenstadt und dienten der Qualifizierung und Weiterentwicklung von Wohnstandorten durch Rückbau leer stehender bzw. untergenutzter Gebäudesubstanz. Eines dieser Vorhaben wird im Städtebauförderungsprogramm "Die Soziale Stadt" als Wohnstandort für gemeinschaftliches Wohnen unter dem Titel "PS Patio" weiterentwickelt, in dem auf der Rückbaufläche von Wohngebäuden der 1950er Jahre in einem intensiven Beteiligungsprozess in Kooperation der Stadt, des Wohnungsunternehmens Bauhilfe Pirmasens GmbH und der Diakonie beispielhafter Wohnungsneubau entsteht. Der erste Bauabschnitt dieses Vorhabens startete 2011, das erste Wohngebäude ist im Januar 2013 bezogen worden. Die weiteren Impulsprojekte Messeumfeld und Rheinberger sind wichtige Elemente der Innenstadtstärkung: Die Maßnahme zur Neuordnung von Freiraum und Verkehr im Umfeld der Messe dienen der besseren Anbindung von Messestandort und Innenstadt und damit der besseren Ausschöpfung der Messepotenziale für die Innenstadtförderung. Der Rheinberger stellt ein außerordentlich erfolgreiches Beispiel der Revitalisierung einer innerstädtischen Industriebrache durch eine öffentlich-private Partnerschaft dar, deren Förderung nach Start im ExWoSt-Forschungsfeld im Rahmen des Regelprogramms fortgesetzt wurde.

Handlungsfelder            

  • Anpassung von Infrastrukturen
  • Anpassung von Wirtschaftsstandorten
  • Anpassung von Wohnstandorten
  • Bestandsorientiertes Gebäude- und Flächenmanagement

Einzelmaßnahmen        

  • Der Rheinberger

    Umbau der ehemaligen Schuhfabrik Rheinberger in Pirmasens Umbau der ehemaligen Schuhfabrik Rheinberger in PirmasensUmbau der ehemaligen Schuhfabrik Rheinberger in Pirmasens Quelle: FORUM


    Das Rheinberger-Gebäude, einst Deutschlands größte Schuhfabrik, gilt als herausragendes Beispiel für die Industriearchitektur des beginnenden letzten Jahrhunderts. Im Zuge des Niedergangs der Schuhindustrie wurde der Betrieb in den Jahren 1995/1996 endgültig geschlossen, nachdem die Schuhfertigung verlagert worden war. Für die Pirmasenser Bevölkerung war der citynah gelegene, nun brachliegende und dem Verfall preis gegebene Gebäudekomplex Ausdruck des Niedergangs "ihrer" traditionsbehafteten Wirtschaftsstruktur. Aufgrund dieser Symbolkraft wurde der "Rheinberger" ausgewählt, um ein Projekt zu initiieren, das den Wandel Pirmasens zu einem Dienstleistungsstandort demonstriert. Bis 2001 galt eine Umnutzung des verwaisten heute noch 16.000 Quadratmeter (ursprüngliche Gesamtanlage vor Rückbau: 25.000 qm) großen Gebäudekomplexes als unrealisierbar. Mit dem Kauf der Immobilie durch die Stadt, einer Spende über eine Million Euro aus der Familie Rheinberger sowie der Aufnahme der Stadt in das ExWoSt-Forschungsfeld Stadtumbau West erfuhr das Sanierungsvorhaben ab 2002 einen unerwarteten Entwicklungsschub. Auf Grundlage eines 2004 erstellten Nachnutzungskonzeptes wurde das Sanierungsprojekt im Sommer 2005 europaweit ausgeschrieben. Im Rahmen der Ausschreibung suchte die Stadt Pirmasens einen Partner für eine Public Private Partnership, der die Umsetzung der Umbaumaßnahmen koordiniert, die komplette Ausbauinvestition im gewerblichen Bereich von ca. sechs Mio. EUR finanziert und das Facility- sowie Centermanagement übernimmt. Im Gegenzug sicherte die Stadt im Rahmen der Ausschreibung die Grundsanierung des Gebäudekomplexes mit max. 11 Mio. EUR Investition, die Regie eines Science Centers auf ca. 4.000 qm und die planerische Unterstützung zu. Den Zuschlag erhielt die Entwicklungsgesellschaft eines Pirmasenser Projektentwicklers. Die Zusammenarbeit mit der Kommune ist in einem umfangreichen Vertragswerk verankert: Stadt und Land bringen von den insgesamt rund 22 Millionen Euro Investitionssumme elf Millionen Euro für Sanierung und Umbau ein, die private Entwicklungsgesellschaft trägt die Kosten des gewerblichen Ausbaus (ohne städtische Einrichtungen) und übernimmt die Vermietung des Gebäudes. Bei der Sanierung des imposanten Ensembles bestand eine besondere Herausforderung darin, die Vorgaben des Denkmalschutzes mit den Anforderungen an ein modernes Dienstleistungsgebäude zu vereinbaren. Wo einst rund 2.500 Arbeiter täglich 5.000 Paar Schuhe herstellten, prägen heute Dienstleistungen und medizinische Versorgung die Nutzung. Daneben finden sich in den sanierten Gewerberäumen die städtische Touristeninformation, zwei Zeitungsredaktionen, Rechtsanwälte, ein ein Fitness- und ein Fotostudio, ein Friseurgeschäft und zwei Schulen und ein Hotel und Gastronomie. Weiterhin startete 2008 auf 4.000 Quadratmetern das erste rheinland-pfälzische Science Center "Dynamikum", das jährlich ca. 100.000 Besucher anzieht (2009: 130.000 Besucher; 2010: 110.000 2011: 92.000 Besucher). Knapp 460.000 Besucher hat das Dynamikum bereits verzeichnet. Das didaktische Konzept des Science Centers trägt dem Standort einer ehemaligen Schuhfabrik in besonderer Weise Rechnung, indem es seine Exponate auf die Themenstellung Bewegung mit seinen vielfältigen Aspekten konzentriert.

Finanzierung

  • ExWoSt-Forschungsfeld "Stadtumbau West" (2002 bis 2008)
  • Bund-Länder-Programm "Stadtumbau West": 4.338.500 Euro Bundesmittel bis einschließlich 2011
  • Zusätzlich: Geld- und Sachspenden von Privaten

Projektumsetzung

Tabelle: Projektumsetzung
JahrUmsetzungsschritt
2002Aufnahme im ExWoSt-Forschungsfeld "Stadtumbau West"
2003Entwurf des Innenstadtentwicklungskonzeptes, Sicherungsmaßnahmen am Rheinberger
2004Nachnutzungskonzept Rheinberger
2005Auswahl des privaten Projektentwicklungspartners für den Rheinberger nach europaweiter Ausschreibung
2006Ratifizierung eines Vertragswerks zwischen Kommune und Projektentwickler zur Sanierung des Rheinbergers, Start des Umbaus des Rheinberger
2007Einzug erster gewerblicher Mieter
2008Eröffnung des Science Centers "Dynamikum"
2009Gründung einer Montessori-Schule im Rheinberger
2011Start des ersten Bauabschnittes des Wohnprojektes "PS Patio"
2012Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. nominiert westpfälzische Stadt unter die Top 3 in der Kategorie "Deutschlands nachhaltigste Städte mittlerer Größe", Verlagerung der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des Städtischen Krankenhauses in den Rheinberger

Besonderheiten

Der öffentlich-privaten Organisationsform des Umbaus und Betriebs des Rheinberger liegt ein komplexes Vertragswerk zugrunde, das den über eine europaweite Ausschreibung ausgewählten Investor mit der Stadt Pirmasens bindet. Dieses Vertragswerk besteht aus einem städtebaulichen Vertrag, einem Kaufvertrag, Gesellschafterverträgen der Rheinberger Besitz GmbH & Co KG und der Rheinberger Verwaltungs GmbH, einem Generalplanungsvertrag und einem Geschäftsbesorgungsvertrag. Als Dach-Rechtsform wurde die GmbH & Co KG gewählt. Anders als bei einer typischen Kommanditgesellschaft ist der persönlich haftende Gesellschafter hier keine natürliche Person, sondern eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Hintergrund dieser Konstruktion ist es, Haftungsrisiken für die hinter der Gesellschaft stehenden juristischen Personen zu begrenzen. Kommanditisten der Rheinberger Besitz GmbH sind die Stadt Pirmasens und die Gebrüder Schweizer als Investoren. Zur Erfüllung der Komplementärpflicht wurde die Rheinberger Verwaltungs-GmbH gegründet.

Lernerfahrungen

Am Beispiel von Pirmasens wird deutlich, dass bei einschneidenden Strukturkrisen gesamtstädtische Entwicklungskonzepte zur Steuerung der komplexen Aufgabenstellungen und zur Schwerpunksetzung außerordentlich hilfreich sind. Gleichzeitig bedarf es für einen erfolgreichen Strukturwandel Leuchtturmprojekte, mit denen sich Bürger identifizieren und die den Wandel symbolisieren. Stadterneuerungsvorhaben wie die Revitalisierung einer Industriebrache scheinen als solche Leuchtturmprojekte besonders geeignet. Zur Umsetzung derartiger Großprojekte kann es hilfreich sein, eine öffentlich-private Partnerschaft einzugehen. Gleichzeitig steht Pirmasens aber auch für den Mut, ein mit der Industriegeschichte verbundenes Science Center aufzubauen und es in Regie der Kommune zu betreiben.

Das Gebiet heute

Eingangsbereich zum umgebauten Rheinberger Eingangsbereich zum umgebauten RheinbergerEingangsbereich zum umgebauten Rheinberger Quelle: FORUM

Die ehemalige Schuhfabrik Rheinberger mit ihren 16.000 qm Nutzfläche ist heute nach Umbau zu über 90% vermietet. Es hat sich ein interessanter Branchenmix gewerblicher Unternehmen u. a. mit Bildungs- und Freizeiteinrichtungen eingestellt. Das Vorhaben ist außerordentlich öffentlichkeitswirksam und trägt zur Stärkung des Images der Stadt Pirmasens als Ort der Innovation und Bildung bei. In der Folge dieser positiven Wirkung sind im Umfeld des Rheinberger zunehmend Aufwertungsbemühungen durch Eigentümer privater Gebäude erkennbar.

Zusatzinformationen

Bundesland

Rheinland-Pfalz


Gemeinde

Pirmasens


Programmbereich

Stadtumbau West


Projektbeginn

2002 (Aufnahme in das ExWoSt-Forschungsfeld Stadtumbau West)

2006 (Programmaufnahmejahr)


Projektende

k. A.


Größe des Gebietes

ca. 2,84 ha


Volumen der Stadtumbaufördermittel

Bis einschließlich Programmjahr 2011: 4,34 Mio. Euro


Gebietstypus

Stadtzentrum
Industriebrache


Kontaktdaten

Stadt Pirmasens
Herr Jörg Bauer
Schützenstraße 16
66953 Pirmasens
Tel: +49 6331 84-2427
Fax: +49 6331 84-2439
E-Mail: joergbauer@pirmasens.de


Link / weitere Informationen

Info-Magazin der Stadt Pirmasens

Science-Center Dynamikum im Rheinberger


ExWoSt-Forschungsfeld Stadtumbau West


Stand

Dezember 2012

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