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Wangen im Allgäu | Stadtkern IV

Maßnahmenschwerpunkte: Sanierung der Bindstraße | Sanierung und Umnutzung des Heilig-Geist-Spitals | Private und öffentliche Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen

Zusammenfassung

Rund 20 Kilometer vom Bodensee entfernt im Westallgäuer Hügelland gelegen, bildet Wangen im Allgäu als zweigrößte Stadt im baden-württembergischen Landkreis Ravensburg mit den Gemeinden Achberg und Amtzell zusammen eine Vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft. Der historische Gebäudebestand und die homogene Gesamtstruktur der Altstadt spiegelt die Rolle Wangens im Allgäu als ehemalige oberstaufische Reichsstadt mit repräsentativen, öffentlichen Bauten und Bürgerhäusern an den Hauptachsen sowie kleinteiliger Bebauung in den Nebenlagen und der Unterstadt wider. In ihrer Gliederung ist die Altstadt durch die Oberstadt – der mittelalterlichen Kernstadt – und der im 14. Jahrhundert im Zuge der Stadterweiterung entstandenen Unterstadt auf der Uferniederung zwischen Oberstadt und Argen geprägt – bis heute ist diese städtebauliche Struktur weitestgehend erhalten und ablesbar geblieben.

Marktplatz der Stadt Wangen im Allgäu mit St. Martinskirche Marktplatz der Stadt Wangen im Allgäu mit St. MartinskircheMarktplatz der Stadt Wangen im Allgäu mit St. Martinskirche Quelle: Bundestransferstelle Städtebaulicher Denkmalschutz















Erst im Zuge der Industrialisierung, die durch die Errichtung einer Baumwollspinnerei im Jahr 1860 (seit 1913 ERBA) in Wangen eingeleitet wurde, wuchs Wangen deutlich über die Altstadt hinaus. 1992 beendete die Baumwollspinnerei Erlangen-Bamberg „ERBA“ die Produktion. Seit 2012 sind zahlreiche Bauten der Sachgesamtheit der Wangener Baumwollspinnerei als Kulturdenkmal anerkannt.

Seit 1979 tragen die Förderungen unterschiedlicher Sanierungsprogramme durch Stadt, Land und Bund zum Erhalt der historischen Bausubstanz und des Gesamtcharakters der geschlossenen Stadtanlage bei. 1979 wurde das Stadterneuerungsgebiet Stadtkern I ausgewiesen, das die gesamte Altstadt umfasste. Bis 2003 konnte die denkmalgeschützte Altstadt Wangens weitgehend gesichert und saniert werden. Dies führte zu einer Wiederherstellung des historischen Stadtbildes und einer Wiederbelebung der Altstadt. Mit dem Sanierungsgebiet Stadtkern II von 2004 bis 2013 wurde die Sanierung der südöstlichen Vorstadt mit einer parzellenscharfen Auswahl einzelner Grundstücke fortgeführt. Mit der Gesamtmaßnahme Stadtkern IV wurde Wangen 2014 in das Bund-Länder-Städtebauförderungsprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz aufgenommen. Aktueller Handlungsbedarf besteht weiterhin bei Sanierungs- und Erhaltungsarbeiten. Einer der Schwerpunkte ist dabei die Sanierung der Sanierung. Mit der Modernisierung und Instandsetzung von Kulturdenkmalen, zu denen insbesondere das Hospital zum Heiligen Geist zählt, der Qualifizierung des öffentlichen Raums im Sinne der Barrierefreiheit und der weiteren Verkehrsberuhigung in der Altstadt soll die Innenstadt als Standort für Handel und Gewerbe und damit in ihrer Attraktivität gesichert werden.

Darüber hinaus liegt ein Schwerpunkt der Stadtentwicklung auf der Entwicklung und Instandsetzung des ERBA-Geländes mit der ehemaligen Baumwollspinnerei, die seit 1992 den Betrieb eingestellt hat. Mithilfe der Landesgartenschau 2024 sollen neue Entwicklungsimpulse gesetzt und die Altstadt mit dem ERBA-Gelände verknüpft werden. Dies steht im Kontext mit weiteren Bemühungen der Stadt um die Konversion von brachgefallenen Gewerbe- und Industriearealen (unter anderem das BEL-Adler-Gelände und der ehemaliger Güterbahnhof).

Kontext

Das 14,3 ha große Programmgebiet „Stadtkern IV“ wurde im Jahr 2014 in das Städtebauförderprogramm aufgenommen und umfasst die nach § 19 Denkmalschutzgesetz unter Gesamtanlagenschutz stehende historische Altstadt der Stadt Wangen im Allgäu.

Abgrenzung des Sanierungsgebiets Wangen im Allgäu Stadtkern IV Abgrenzung des Sanierungsgebiets Wangen im Allgäu Stadtkern IVAbgrenzung des Sanierungsgebiets Wangen im Allgäu Stadtkern IV Quelle: Dipl.-Ing. Joachim Scheible freier Architekt, Sanierungsbeauftragter der Stadt Wangen i. A.

Diese wird im Osten vom Flusslauf der Oberen Argen sowie im Westen von der im Verlauf des 20. Jahrhunderts angelegten Ringstraße begrenzt. Im Süden umfasst die Gesamtmaßnahme den Bereich der Städtischen Sporthalle, des Festplatzes und der Feuerwehr an der Jahnstraße/Aumühlenweg. Im Norden grenzt das Gebiet an die Gegenbauerstraße und den Buchweg und überschneidet sich auf Höhe des Bahnhofweges mit dem Stadtumbaugebiet „BEL Adler III“.

Prägend für die Wangener Altstadt sind die polygonale Stadtform mit sechs Eckpunkten und die zumeist in Nord-Süd-Richtung orientierten Straßen mit tiefen Häuserparzellen. Die Altstadt wird durch die Oberstadt – der mittelalterlichen Kernstadt – und der im 14. Jahrhundert im Zuge der Stadterweiterung entstandenen Unterstadt auf der Uferniederung zwischen Oberstadt und Argen gegliedert. Die zwei Hauptachsen der Paradies- und der Herrenstraße gliedern den mittelalterlichen Stadtgrundriss, der durch eine tiefe Bebauung an trauf- und giebelständigen Bauten aus dem 16. Jahrhundert gekennzeichnet ist. Die historisch durch Wohnhäuser und Werkstätten geprägte Unterstadt am Argenufer wurde mehrfach von Bränden zerstört und weist überwiegend Gebäude aus dem 15. bis 19. Jahrhundert auf.

Handlungsstrategie

Mit Aufnahme des Gebiets „Stadtkern IV“ in das Programm Städtebaulicher Denkmalschutz setzt die Stadt Wangen im Allgäu die im Jahr 1979 begonnene Stadtsanierung mit den bewährten Grundsätzen fort. Die Altstadt soll als „Herz der Stadt“ mit ihren öffentlichen, kulturellen und touristischen Einrichtungen, ihrem vielfältigen Einzelhandelsbesatz und Dienstleistungen sowie als identifikationsstiftender Fixpunkt der Bewohner gesichert, erhalten und weiterentwickelt werden. Mit ihrer zentrenorientierten Handelspolitik und der Forcierung einer Innen- vor der Außenentwicklung werden die Zentrumsfunktionen der Altstadt weiter gestärkt.

Mit der Revitalisierung und Wiedernutzbarmachung des historischen Bestandes hat Wangen bisher große Erfolge erzielt, die langfristig erhalten werden sollen – der Erhalt des Stadtgrundrisses und der denkmalgeschützten Gebäudesubstanz soll auch weiterhin im Mittelpunkt der Programmumsetzung stehen. Darüber hinaus sollen die Freiflächen der Altstadt künftig nutzerfreundlich und barrierefrei gestaltet werden. Weitere Handlungsschwerpunkte der Stadt Wangen sind die Themen Verkehr, Handel und Dienstleistung, öffentlicher Raum sowie Tourismus und Bürgerbeteiligung.

Handlungsfelder            

  • Modernisierung und Indstandsetzung der historischen Gebäudebestände unter baukulturellen und energetischen Gesichtspunkten sowie unter Berücksichtigung der Anforderungen zeitgemäßen Wohnens und Arbeitens
  • Barrierefreihe Umgestaltung des öffentlichen Raums in der historischen Altstadt
  • Schaffung einer stadträumlichen Anbindung zwischen der Altstadt und dem künftigen Gelände der Landesgartenschau 2024 (im Zusammenhang mit dem ERBA-Gelände)
  • Erneuerung des Nahwärmenetzes in Teilbereichen sowie Netzerweiterung und Ausbau des Fernwärmenetzes
  • Sicherung der Altstadt als etablierten Standort für Handel und Gewerbe durch Sicherung, Stärkung und Weiterentwicklung der differenzierten Nutzungsstruktur
  • Austausch und Vernetzung von und mit Vereinen, Aktivgruppen und Behörden

Einzelmaßnahmen (Auswahl)   

  • Sanierung der Bindstraße
    Eine der zentralen Schlüsselmaßnahmen der Stadtsanierung seit 2014 war die Sanierung der Bindstraße, die Anfang 2017 fertiggestellt wurde. Bei der Bindstraße handelt es sich um eine große Straße in der Unterstadt, die parallel zur Straße Argenufer verläuft. Im Zuge des barrierefreien Ausbaus wurden Bordsteine entfernt und Stufen reduziert, so unter anderem die Stufen zum städtischen Heimatmuseum und dem Stadtmuseum Eselmühle. Hier wurde im Sinne der Barrierefreiheit eine Rampe installiert. Der Kopfsteinpflaster-Belag wurde trotz der Diskussion um die gegebene Barrierefreiheit erhalten. Zur Orientierung, unter anderem für Sehbehinderte wurden hellere, größere Steine eingebracht. Der Umbau der Straße erfolgte in zwei Abschnitten. Während der gesamten Bauzeit galt eine Einbahnstraßenregelung. Zur Reduzierung des Durchgangsverkehrs wurde diese auch nach Fertigstellung des Umbaus beibehalten.
  • Sanierung und Umnutzung des Heilig-Geist-Spitals
    In 2018 wurden der Umbau und die Sanierung des Heilig-Geist-Hospitals begonnen. In einem mehrjährigen Stufenkonzept soll das historische Spital erneuert und nachgenutzt und damit zum Kernstück der künftigen innerstädtischen Entwicklung werden. Ursprünglich als Pflegeheim genutzt, war das Objekt nach dem Bau eines neuen Pflegeheims ungenutzt. Für das Spital ist nun unter anderem die Einbringung eines Kindergartens mit einer Beratungsstelle der Diakonie angedacht. Die geplante Hof- und Gartenanlage soll einen Erholungsraum für Gäste und Anlieger bieten. Im Rahmen der Nutzung durch den Kindergarten werden auch Fragen des Hol- und Bringverkehrs berücksichtigt.
  • Private und öffentliche Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen
    Seit Beginn der Stadtsanierung konnten in Wangen im Allgäu 174 von 301 Gebäuden saniert werden. Derzeit weisen lediglich 15 Gebäude schwere Baumängel auf, 70 Gebäude leichte bis mittlere Mängel. Schwerpunktmäßig liegt der Fokus der Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen auf den stadtbildprägenden Kulturdenkmalen sowie ausgewählten privaten Sanierungsvorhaben. Zu den aktuellen Maßnahmen gehören unter anderem:

    Das Haus Hensler in der Bindstraße 1, das 1777 erbaut wurde. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde im Sinne des Ensembleschutzes bis 2016 saniert. Zuvor stand das ehemalige Gerber- und Handelshaus 15 Jahre leer. Im Nachgang der Sanierung wird hier ein gastronomisches Angebot eingebracht.
    Das Haus Rose, ein ehemaliges Gerberhaus in der Herrenstraße 1, wurde 1540 erbaut und von 2012 bis 2016 in Höhe von rund 3 Millionen Euro umfassend saniert. Dabei wurden die besonderen Merkmale des Gebäudes – barocke Stuckdecke im 2. OG, Holztafeldecke im 1. OG und Stufengiebel – gesichert. Mithilfe von Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurde die Sanierung des Dachstuhls gefördert. Im Zuge der Sanierungsarbeiten wurde eine Fassadenbemalung auf der Seite zum Marktplatz aufgedeckt. Die für die Region ungewöhnliche Bemalung wurde im Zuge der Sanierung wiederhergestellt.

Finanzierung

Sonstige Programmkulissen:

  • Stadtumbaumaßnahme BEL-Adler Stadtkern III
  • Sanierungsgebiet ERBA-Auwiesen, Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt
  • „Neue Mitte des ERBA-Quartiers“, Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus (2016-2017)

Meilensteine der Gebietsentwicklung

Tabelle: Meilensteine der Gebietsentwicklung
JahrUmsetzungsschritt
ab 1979Beginn der Förderung des Erhalts der historischen Bausubstanz und des Gesamtcharakters der geschlossenen Stadtanlage durch Stadt, Land und Bund mithilfe unterschiedlicher Sanierungsprogramme
1979 - 2003Sanierung der Altstadt im Zuge des Sanierungsgebiets „Stadtkern I“
2004 - 2013Sanierung der Altstadt im Zuge des Sanierungsgebiets „Stadtkern II“
seit 2009Sanierung des Gebiets „Stadtkern III (Bel-Adler)“ außerhalb der Altstadt
2010Die Stadt Wangen im Allgäu erhält den Zuschlag zur Ausrichtung der Landesgartenschau 2024
2014Aufnahme der Gesamtmaßnahme „Stadtkern IV“ in das Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“
2014Es wird ein städtebaulicher und landschaftsarchitektonischer Realisierungswettbewerb für das zukünftige Gelände der Landesgartenschau im Umfeld der einstigen „ERBA“ durchgeführt. Die Arbeitsgemeinschaft lohrer.hochrein Landschaftsarchitekten und Stadtplaner aus München und Löhle Neubauer Architekten aus Augsburg werden mit der Planung der Daueranlagen beauftragt
02/2015Inkrafttreten der Altstadtsatzung
2016Veröffentlichung des Leitfadens „Gestaltete Altstadt“ und des denkmalpflegerischen Werteplans für die Gesamtanlage Wangen im Allgäu

Besonderheiten

Nachdem die Stadt Wangen im Allgäu im Jahr 2010 den Zuschlag zur Ausrichtung der Landesgartenschau 2024 erhalten hat, wurde 2014 ein städtebaulicher und landschaftsarchitektonischer Realisierungswettbewerb für das zukünftige Gelände der Landesgartenschau im Umfeld der einstigen „ERBA“ durchgeführt. Die Arbeitsgemeinschaft lohrer.hochrein Landschaftsarchitekten und Stadtplaner aus München und Löhle Neubauer Architekten aus Augsburg wurden im Nachgang mit der Planung der Daueranlagen beauftragt. Die Verzahnung des Standortes Altstadt mit dem ehemaligen ERBA-Gelände im Zuge der Landesgartenschau 2024, das eine weitere bedeutende Zeitschicht in der Historie der Stadt darstellt und auf dem ein neues Stadtquartier entstehen soll (Programm „Soziale Stadt“), ist eines der Ziele der gesamtstädtischen Entwicklung.

Lernerfahrungen

Früher freiberuflich tätig, ist der derzeitige Sanierungsbeauftragte Martin Schwenger heute als städtischer Mitarbeiter in Vollzeit tätig. Er steht für Anfragen und Informationen rund um die Altstadtsanierung zur Verfügung. Darüber hinaus werden Beratungstermine seitens der Gebietsreferentin des Landesamtes für Denkmalpflege angeboten. Die frühzeitige Einbindung auch der Landesdenkmalpflege unterscheidet sich vom Vorgehen in den Nachbargemeinden und hat zur Zufriedenheit und Akzeptanz seitens der Bauherren geführt.

Das Gebiet heute

Die Stadt Wangen im Allgäu hat seit Beginn der Stadtsanierung in den 1970er Jahren große Erfolge bei der Sicherung, der Wiederherstellung und der Weiterentwicklung der historischen Bausubstanz erzielt. Die kontinuierliche Instandsetzung des historischen Gebäudebestandes ist ein gelungenes Beispiel für die Entwicklung der historischen Stadt aus dem Bestand. Die Stadt gestaltet bewusst den Sanierungs- und Instandhaltungsprozess der Altstadt durch konsequentes Handeln und mit langem Atem – dabei steht eine zentrenorientierte Handelspolitik sowie die Innen- vor der Außenentwicklung stets im Mittelpunkt. Ergebnis der bisherigen Entwicklung, die von hoher städtischer Eigenverantwortung und Professionalität in der Umsetzung geprägt ist, ist eine Altstadt, die neben einer qualitätsvoll sanierten Gebäudesubstanz eine Nutzungsvielfalt aufweist, die den Standort Altstadt als Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nachhaltig stärkt.

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